Aus der Geschichte der Erstbegehungen


Vorderer Verborgener Turm (Schmilkaer Gebiet) - Alter Weg

Erste Begehung am 30.Mai 1909

von Georg Habicht (Klub Daxensteiner, Dresden)


Die erste Besteigung des Vorderen Verborgenen Turms

Pfingsten, das Fest der Maien, war herangerückt, und gar mancher Wanders- und Klettersmann hat seine Fahrt zusammengestellt, um Geist und Körper von der alltäglichen Berufsarbeit in der herrlichen Gotteswelt zu erholen und zu stärken. Auch ich hatte mich mit einigen Klubfreunden verabredet, und wir hatten uns vorgenommen, das schöne Pfingstfest zu einer gemeinsamen Kletterfahrt in das Zschand- und Winterberggebiet zu benutzen, denn wir fühlten die moralische Pflicht, das goldene Fahrtenbuch des Klubs um eine schöne, erstklassige Kletterei aufs neue zu bereichern, denn Stillstand heißt Rückschritt.

Die Lage der Verborgenen Türme im Schmilkaer Gebiet
(aus dem Fehrmannschen Kletterführer von 1908)

Der etwas rauhe, mehr unfreundliche als einladende Pfingstsonntag 1909 war angebrochen, an ihm brachte uns die Eisenbahn ächzend und fauchend bis zur Station Hirschmühle-Schmilka. Unser erstes Ziel war der kleine Winterberg, an dessen Wänden einige schöne Kletterfelsen, unter anderem die Speichentürme, stehen. Der obere Speichenturm wurde im Jahre 1908 von unserm Mitglied Neuber erstmalig bestiegen, während der untere Speichenturm noch seine Jungfräulichkeit bewahrte. Wir hatten beschlossen, die Besteigung zu versuchen, mußten aber davon absehen, da ein anderer Klub ihn sich bereits als Kletterziel erkoren und auch, wie wir später erfuhren, den Sieg über diesen Gipfel errang. Wir verweilten daher nicht lange am Ort, sondern wandten uns den verborgenen Türmen in den Steinlöchern zu. Soviel uns bekannt war, waren alle mit Ausnahme des vordersten erstiegen. Nach einigen Irrwegen in den versteckten Felsschluchten fanden wir auch diese Türme und waren erstaunt ob des Anblicks, den uns diese hohen, grotesk zum Himmel ragenden Felsgestalten boten. Der erste, ein etwa 45 Meter hoher Felsen, der uns schier unbezwingbar dünkte, war der, den noch keines Kletterers Fuß betreten hatte. Wir schauten uns von allen Seiten diesen stattlichen Turm an und gewahrten schließlich an der Nordwestwand in ungefähr 15 Meter Höhe einen Sicherungsring. Es erwachte daher in uns die Vermutung, daß in letzter Zeit doch vielleicht eine Besteigung durchgeführt worden ist, und ich schlug daher vor, auf der gegenüberliegenden Seite, die allerdings wenig aussichtsreich erschien, einen Versuch zu wagen. Wir waren schließlich auch übereingekommen, die Südostwand als Anstieg zu benutzen. Nach kurzer Frühstücksrast wurde die Kletterausrüstung ergänzt und mit frohem Bergheil stieg der Führer an. Durch einen leichten Kamin, der sich allerdings oben sehr verengt und den Kletternden an die Kante drängt, gelangte er auf einen Vorgipfel. Wir alle folgten ihm nach und sahen von hier den ganzen Kletterweg vor uns. Nach unserem Ermessen stand uns noch ein schwerer Kampf mit diesem alten Recken bevor. Oftmals schon war er Angriffspunkt ausgezeichneter Kletterer gewesen, aber selbst dem auf die Spitze getriebenen klettertechnischen Raffinement hatte der Turm bisher Trotz geboten. In uns wuchs immer mehr die Lust am frohen Wagen und hurtig ging es an die ernste Felsarbeit. Wir standen vor einer glatten Wand, nur etwa 2 Meter rechts von uns führte eine grifflose, zirka 5 Meter lange überhängende Rinne auf ein dachartiges Felsstück, an dessen anderer Seite ein sehr eng werdender Kamin zum Gipfel führte. Der Führer versuchte nun, indem er auf einen Gefährten trat, die Rinne rechts zu erreichen, was ihm auch gelang, doch hielten wir ein Emporarbeiten in dieser gänzlich glatten Rinne, in der auch noch ein Ueberhang zu überwinden war, ohne genügende Sicherung des ersten nicht für ratsam. Wir mußten also auf irgend eine Weise Sicherung für den Führer schaffen, der inzwischen aus seiner unbequemen Stellung befreit worden war. Wir entschlossen uns, in doppelter Manneshöhe an der Wand einen Sicherungsring zu schlagen. Das war bald getan und nun begann von neuem die schwere Arbeit des Führers. Schnell ward wieder übereinandergestellt und schon klemmte er in der berüchtigten Rinne. Eines Jeden Nerv und Muskel war gespannt, um bei etwaigem Mißlingen hilfsbereit zur Hand zu sein. Aller Augen waren auf den Kletternden gerichtet, der angestrengt aber besonnen sich zentimeterweise emporschob. Endlich nach bangen Minuten war er am Ende der Rinne angelangt, nur noch ein Ueberschreiten der Platte und stolz, wenn auch erschöpft, hatte er einen sicheren Platz zum Verschnaufen gefunden. Auch wir atmeten befreit auf, als wir unsern Führer sahen, der so wacker bei der schweren Arbeit ausgehalten hatte. Nun stieg der Zweite nach, der dem Ersten beim Einstieg in den Schlußkamin behilflich sein mußte. Doch dieser Kamin raubte den letzten Rest der Kraft, aber auch er ward überwunden, und erschöpft, jedoch die Brust von Stolz und Gipfelfreude geschwellt, konnte er dem bis dahin unbezwungenen Felsturm den groben Kletterschuh aufs Haupt setzen. Jauchzend tönte ein "Bergheil" zum Gruß zu uns herab. Ich stieg als Dritter nach und empfand jetzt erst die Schwierigkeit dieser Kletterei und deren Anstrengung. Wohlbehalten erreichten auch wir zwei Nachsteigenden den Gipfel. Als Zeichen unseres Sieges krönten wir die Zinne des Felsens mit einem Fähnlein und legten ein Gipfelbuch nieder.

Die Beschreibung des Vorderen Verborgenen Türmes
im Nachtrag zum Fehrmannschen Kletterführer von 1912

Alle Klubbrüder waren von großem Jubel erfüllt, und stolz fühlte jeder ein Herz in seiner Brust schlagen, das einen köstlichen Schatz in sich barg, die Freude an der herrlichen Bergwelt. Es galt nun den Abstieg zu beginnen. Er führte uns durch den Schlußkamin wieder zurück bis zur schrägen Platte, wo wir einen Abseilring schlagen mußten. Flott stiegen wir an der Wand herunter, die uns beim Aufstieg soviel Kraft gekostet hatte und gelangten wohlbehalten bei unsern Gefährten an, die uns freudig empfingen. Nach kurzer Rast ging es an das Zusammenpacken unserer Habseligkeiten, um nicht allzuspät in der Buschmühle, unserm Nachtquartier einzutreffen. Nach langem Marsche in der linden Abendluft inmitten der schroffen Felsgebilde und rauschenden Wälder gelangten wir gegen 10 Uhr abends ans Ziel, wo wir von einigen unserer Fahrtgenossen, die vorausgegangen waren, freudig begrüßt wurden. Noch einige Zeit saßen wir beim schäumenden Becher, bei Singsang und Klingklang, um uns schließlich gegen Mitternacht müde auf unser Lager zu strecken und zu träumen von neuen Tagen und neuen Taten.

aus: Aus deutschen Bergen - 27(1912), Heft 8, 57-58)

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Dokument vom 22.1.2000